SAALPLAN schließen »
schließen »
 

ALOA INPUT
10.09.2021

Photocredit: Matthias Kestel

Das dritte Album der Band um Angela Aux, Marcus Grassl und Cico Beck (The Notwist, Joasihno) ist ein Konzeptalbum, hört auf den Namen “Devil’s Diamond Memory Collection” und erscheint im Mai 2021 auf Siluh Records.

Fünf Jahre sind seit dem letzten Album von Aloa Input vergangen. Eine für die Band ungewöhnlich lange Zeit. Angela Aux, Marcus Grassl und Cico Beck verbrachten sie damit einen endlosen Strom an Demomaterial zu produzieren. Bei Sessions in Ateliers, Kinos und Kellerräumen in München, Mexico City und Montreal entstanden knapp 50 Stücke. Am Ende blieben 14 übrig, die im ersten Konzeptalbum der achtjährigen Bandgeschichte gipfelten. Das Thema? Die „gefühlte Ewigkeit“.

Alles hatte auf der letzten Tour mit einer einfachen Frage begonnen: „Was würdest du tun, wenn du der letzte Mensch auf der Welt wärst?“. Über Monate hinweg hatten Aloa Input sie den Besuchern ihrer Konzerte immer wieder gestellt. Jede Antwort zog einen neuen Schweif aus Assoziationsketten und existentiellen Fragen nach sich: Wie würdest du reagieren? Würdest du schweigen, schreien, es insgeheim genießen? Wo würdest du leben wollen? Was und wen würdest du vermissen? Wie lange würdest du es aushalten? Und vor allem: Wärst du dann noch derselbe?

Aus der Reflexion über den Platz, den wir Menschen uns auf diesem Planeten zuweisen, schälte sich langsam „Devil’s Diamond Memory Collection“ heraus, ein surreales Daumenkino, das das Undenkbare mit dem Wahrscheinlichen und das Geheimnisvolle mit dem Wohlbekannten kombiniert. Jedes der 14 Lieder ist aus einer anderen, fiktiven Perspektive aus einem unbestimmten Zeitpunkt in der Zukunft erzählt, „eine Rückschau auf die Fetzen unserer Zivilisation“, sagt Songwriter Angela Aux, der mit seinem Soloprojekt auf ähnlichen philosophischen Pfaden wandert. „Wir wollten eine Platte machen, die wir selber in 20 Jahren anhören würden und sagen, ja: So erschien uns damals die Zukunft“.

Doch wie lässt man eine Zukunft vor dem inneren Ohr auferstehen, die nur in unseren Gedanken existieren kann? Wie klingt eine Menschheit, die ihre Art zu leben neu erfinden musste? Aloa Input haben auf „Devil’s Diamond Memory Collection“ den richtigen Ton getroffen, irgendwo zwischen alienated und alltäglich.
Es scheint, als blicke man durch eine Art Mikro-Kaleido-Teleskop: Das mal mehrstimmig gesungene und mal als Spoken-Word vorgetragene Storytelling bricht immer wieder in flirrend bunte Parallelwelten auf, die problemlos nebeneinander existieren.
Gleich im Auftakt „Desert Something“ treffen sich unsere Hirne in der Cloud wieder. „Lift us away from all linear mind“ bittet die traumverlorene Stimme, während Bass und Schneeschaufel-Beat den Song nach vorne treiben. Im hypnotisch ruhigen „Atlas Daze“ gehört die Erzählstimme dem Vertreter einer Spezies, die sich auf den letzten Metern ihres Weges befindet: „I feel the skies are coming down / I see the world is gonna drown“. Es ist der Mensch, der in sich selbst den Endgegner erkannt hat, aber trotzdem weiter sorglos vor sich hinpfeift. Der Titelsong wiederum handelt davon, wie wir uns immer weiter der Wissenschaft geöffnet haben, nur um schließlich festzustellen, dass wir irrelevant geworden sind: „Now we occupy the space to let the physics rule it all“, rappt Aux über vor sich hinmeckernde Stimm-Samples, die wie durch den Vocoder gejagte Ziegen klingen. Man denkt an den Satz „Do Androids Dream Of Electric Sheep?“, mit dem der Sci-Fi-Autor Philipp K. Dick einst eine seiner bekanntesten Kurzgeschichten betitelte. So wie das sechseinhalbminütige Stück müsste das Schlaflied klingen, das den Mensch-Maschinen sanft den Stecker zu ziehen vermag.
Ein Happy-End im klassischen Sinne gibt es auf „Devil’s Diamond Memory Collection“ nicht. Im seelenruhig entschwebenden Schlussstück „The Universe Keeps Places“ übernimmt schließlich die Computerstimme das Ruder: „Flee, dust, fall, god, pause, pause, pause, pause, pause“, surrt sie kryptisch zum Takt von Mellotrontropfen, bis sich alles in windverwehten Frequenzen verliert. „Ein Duett mit unseren Nachfolgern, wenn man so will“, sagt Aux. Das Album, das von Posthumanismus-Koryphäen wie Donna Haraway und Ted-Talks zu Themen wie KI und Biotechnologie beeinflusst ist, klingt dennoch hoffnungsvoll aus. „Die Menschheit wird einen neuen Ort finden. Sofern sie es schafft, zu überleben.“

Schon heute konfrontiert uns die rasante Entwicklung der Wissenschaft mit philosophischen Grundfragen: Was wird noch herausragend sein am Menschen, wenn eine Intelligenz aus neuronal vernetzten Algorithmen unseren Verstand bei Weitem übersteigt? Noch ziehen wir uns auf die Gewissheit zurück, dass eine Maschine nie etwas „Beseeltes“ wie Musik erschaffen könne, da ihr schlicht das Bewusstsein dafür fehle. Andererseits dachte vor 50 Jahren auch kaum einer, dass eine KI einmal besser Schach spielen oder bei medizinischen Diagnosen treffsicherer sein könnte als der Mensch. Und was ist Musik schlussendlich anderes als eine Folge mathematischer Muster? Die Stücke auf “Devil’s Diamond Memory Collection” wirken beseelt und mathematisch zugleich: Die Nano-feinen Beatkonstrukte – programmiert von Cico Beck (auch bei The Notwist) und Marcus Grassl – treffen auf sanft dahinfließenden Melodiewellen, die sich auf wundersame Weise ergänzen statt sich gegenseitig zu zerschießen. Jeder Song ist ein Wimmelbild polyrhythmischer Irrlichter, die in der Summe der Teile trotzdem im Gedächtnis haften bleiben wie bunt leuchtende Pilze auf vermoosten Mondraketen oder eine Meeresbrise, die sich auf rätselhafte Weise in den luftleeren Raum verirrt hat. Trotz des futuristischen Grundthemas lassen sich die Tracks zeitlich nicht einordnen. “Devil’s Diamond Memory Collection“ hätte 1967, 1999 2007 oder 2022 entstanden sein können. Man könnte es Weird Folk nennen, Taschen-Psychedelia, Kraut-Pop oder No-Age. Es ist Musik, die sich trotz aller akustischen Entfremdung, trotz aller Effekte und Filter, eine organische Wärme und ein Gefühl von Geborgenheit erhält. Raschelnde Raumanzüge und seidenweiche Pyjamas hängen hier dicht beieinander. Sogar die Synth-Streicher klingen hier nicht kalt nach „Blade Runner“ sondern wie heimelige Blockflöten. Auf einigen der Stücke herrscht fast Westernstimmung, ein „High Noon“ am Ende aller Tage, als hätten sich die Androiden mit der Akustikgitarre am Lagerfeuer versammelt, um die Menschheit zu verabschieden, die gerade am Horizont in ihren allerletzten Sonnenuntergang gleitet. Und sind wir nicht genau das: Lethargische Astronauten, die auf dem Raumschiff Erde ungerührt ins Dunkel driften, und uns nur in guten, inspirierten Momenten noch über das Wunder unserer Existenz in diesem endlosen Universum wundern?

“Devil’s Diamond Memory Collection“ ist der Soundtrack für ein Science-Fiction- Szenario, das nicht als fortschrittsoptimistische Utopie oder bombastische Endzeitvision daherkommt, sondern als geradezu beiläufige Erkenntnis, dass wir längst in unserer Zukunft angekommen sind.

 

Event auf den Merkzettel

Tickets

Datum / Beginn Location Ort     Stamp
2021-09-10Fr 10.09.2021 20.00 Uhr Zukunft am Ostkreuz Berlin   Tickets ab 15,40 €
Tickets
ALOA+INPUT|2021-09-10|20:00:00

Die angegebenen Preise sind Kartenendpreise inkl. gesetzl. MwSt., inkl. Vorverkaufsgebühr, ggf. Bearbeitungsgebühr, bzw. Ticketsystemgebühr zzgl. Versandkosten.


Weitere Events aus Metal / Hardcore / Gothic / Dark
Avatar

Avatar

01.03.2022

Avatar

01.03.2022 - 20.00 Uhr
Berlin: Columbia...

tickets
Accept

Accept

Too Mean To Die - Tour

15.02.2022

Accept

15.02.2022 - 20.00 Uhr
Berlin: HUXLEY'S...

tickets
Ghøstkid

Ghøstkid

09.12.2021

Ghøstkid

09.12.2021 - 20.00 Uhr
Berlin: Hole 44

tickets
Kublai Khan TX

Kublai Khan TX

ABSOLUTE EUROPEAN TOUR

15.09.2021

Kublai Khan TX

15.09.2021 - 20.00 Uhr
Berlin: Cassiopeia...

tickets
Igorrr

Igorrr

++ Konzert erneut verschoben & verlegt...

16.11.2021

Igorrr

16.11.2021 - 20.00 Uhr
Berlin: SO36

tickets